Wer war Elias (Elija)

Wer war dieser Elija, dass ihm Mendelssohn ein ganzes Oratorium gewidmet hat?

In Summe gilt Elija als einer der wichtigsten Propheten-Gestalten im Alten Testament. Da er der biblischen Legende nach nicht gestorben ist, sondern “nur in den Himmel entrückt wurde”, erwartete man früher oder
später seine Wiederkunft in dieser Welt. So wurde z.B. auch Jesus von den Juden gefragt, ob “er Elija ist, der wiederkommen soll.”
Dieser Elija hat etwa um 850 v. Chr. gelebt hat; er stammte aus Tischbe, ein heute unbekannter Ort östlich des Jordan gelegen. Die mitunter sagenhaften Geschichten um sein Leben (vermutlich um 800 v. Chr. aufgeschrieben) stehen im AT in den Königsbüchern, genauer 1 Kön 17 – 19, 1 und 2 Kön 1 – 2.

Der Name Eli-ja bedeutet “Mein Gott ist Jahwe” und ist zugleich Programm und Lebensaufgabe dieses Mannes geworden, nämlich sich einzusetzen für den Glauben an Jahwe, den Gott Israels. Zur Zeit des König Ahab, der zeitgleich mit Elija lebte, wurde nämlich in Israel durch die Königsgattin Isebel auch die Verehrung des kanaanitischen (und aus Sicht der Juden heidnischen) Fruchtbarkeits-Gottes Baal eingeführt; ja, der König hat diesem Götzen in der Stadt Samaria sogar einen Tempel bauen lassen! Das rief natürlich die Jahwetreuen zum Widerstand und die Bibel erzählt dass Gott, Jahwe, selbst den Elija beruft, gegen den König aufzutreten. Im Auftrag Gottes kündigt er ihm zunächst eine lange Zeit der Dürre an. Auf diese Weise soll der König erkennen, daß nicht der Fruchtbarkeitsgott Baal, sondern Jahwe Herr der Natur ist.

Doch Ahab bekehrte sich nicht. So kommt es schließlich zu dem sogenannten Gottesurteil auf dem Berge Karmel. Dort hatte Isebel ein ehedem Jahwe gewidmetes Heiligtum in einen Baalsaltar umwidmen lassen. An dieser denkwürdigen Kultstätte sollte sich nun entscheiden, wer wirklich der Gott Israels ist, Jahwe oder Baal. Für das Gottesurteil, so schlägt Elija vor, sollen zwei Altäre errichtet werden; einen sollen die 450 Baalspriester des Landes errichten, und einen wird Elija errichten. Der mächtigere der beiden Götter soll dann entscheiden, indem er Feuer für das Brandopfer vom Himmel schicken wird. Die Baalspriester bringen sich den ganzen Tag in Ekstase und flehen Baal an, ihren Altar zu entzünden – aber nichts geschieht. Eine alte jüdische (außerbiblisch überlieferte) Legende erzählt sogar, daß die Priester in ihrer Verzweiflung einen Jungen unter dem Altar versteckten, der zu gegebener Zeit das Holz anzünden sollte; der Betrug wird entdeckt, weil der Junge durch einen Schlangenbiß aufgeschreckt, wie wild unter dem Altar hervorstürmte. Als aber Elija an Abend Jahwe anrief, fiel das Feuer vom Himmel und verzehrte das Opfertier, und das obwohl Elija mehrere Krüge Wasser über das Holz gießen ließ.

Nun könnte man könnte meinen, Elija sei auf dem Höhepunkt seines
Erfolges angekommen und könne nun den Sieg feiern. Doch das Gegenteil geschieht. Als Isebel Rache schwört und Elija durch Boten den Tod androht, gerät er in Angst und flieht in die Wüste. Bei Be’er Sheba setzt er sich unter einen Ginsterstrauch und wünscht sich den Tod: “Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin auch nicht besser als meine Väter”, betet Elija nach der biblischen Überlieferung. In meiner Sichtweise steckt Elija in einer tiefen “Midlife Crisis”; er erlebt einen Burn Out, der auch dadurch hervorgerufen wird, dass Elija glaubte, seine Schwächen und Fehler ausradieren zu können, sie durch Askese und Aktionismus zu beseitigen. Wer kennt das nicht auch ansatzweise: Man hat sich für andere verausgabt, man hat für die gute Sache gekämpft, man hat sich bemüht, anständig zu sein …, aber dann erscheint auf einmal alles sinnlos. Elija ist zermürbt durch das
dauernde Kämpfen, jetzt reicht es ihm!

Doch der geplante Suizid unter dem Ginsterstrauch gelingt nicht, denn
Gott lässt ihn einfach nicht sterben. Vielmehr: ein Engel kommt und
hilft ihm mit Brot und Wasser. Er ißt zwar und trinkt, aber die alte
Leere kommt wieder; er läßt sich zwar helfen, aber selbst tut er nichts
dazu: Zu sehr ist er noch in seiner Enttäuschung gefangen. Da rührt ihn
der Engel wieder an. Die Kraft reicht Elija gerade zum Weitergehen. Aber seine Welt ist noch nicht heil, er geht immer noch in der Wüste. 40 Tage wird Elija in der Wüste wandern, schonungslos allein, mit sich selbst konfrontiert, ohne Ablenkung oder Ausweichmöglichkeiten. Die Zeitangabe ist hier unbedingt symbolisch zu verstehen und bedeutet: ein Leben lang. Ein Leben lang stehen Menschen vor der Aufgabe zu sich selbst zu finden und sich als der annehmen und lieben zu lernen, der man ist!

Als Elija am Horeb ankommt, geht er in eine Höhle zum Übernachten; sie ist Zeichen für Geborgenheit, wie sie ein Ungeborenes im Mutterschoß erfährt. Wer will nach so einem langen Wüstenweg nicht sich fallen lassen, Geborgenheit erfahren, einfach daheim sein? Jeder braucht so eine Höhle, in die er sich zurückziehen kann, wo er nichts leisten muß, wo er so sein kann, wie er ist. Es ist die Sehsucht zurück in das Kind-Sein, das nicht kämpfen muß, für das gesorgt wird. Aber Gott läßt dem Elija keine Ruhe; er ruft ihn an: “Was willst du hier?” Elija wird
aufbrausend, er hält Gott vor, was er alles für ihn getan hat, daß er
allein gegen den Unglauben vieler gekämpft hat, und der Dank besteht
scheinbar darin, daß er um sein Leben fürchten muß. Elija kann nicht
mehr, und außerdem will er gar nicht mehr. Gott hört sich das Jammern zwar an, aber fast unbeeindruckt ruft er Elija zu: “Komm heraus, und stell dich auf den Berg!” Elija muß sich dem Ruf Gottes stellen, ja er muß sich sich selbst stellen, denn nicht in der Höhle wird er Gott begegnen, sondern nur in den konkreten Herausforderungen des Alltags wird er Gott erfahren und zu sich selber finden können!

Nun zieht Gott an ihm vorüber. Dem gehen ein starker Sturm, ein Erdbeben und ein Feuervoraus; aber Gott ist darin nicht erfahrbar. Gott ist nicht ein Gott des Sturmes, der alles Böse wegfegt, und er will auch nicht den Eiferer, der (am liebsten) alles Negative und alle Ungläubigen beseitigt. Gott ist auch nicht im Erdbeben, das alles Unliebsame zerstört oder vernichtet. Und er verbrennt auch nicht alle Sorgen, die Elija plagen. So zeigt Jahwe dem Propheten, daß weder sein Gottesbild, noch sein Selbstbild richtig ist. Vielmehr erscheint Gott erst im leisen Säuseln des Windes:
Gott ist leise, behutsam, zärtlich, feinfühlig, sanft, mild… So kann
auch Elija Jahwe nur erfahren, wenn er sich auf dessen Art einläßt: wenn er still wird, mit sich selbst behutsam umgeht, wenn er nach Innen horcht. Die Bibel erzählt, dass Elija nach dieser Begegnung ein anderer geworden ist: Gott hat aus dem polternden, mit Feuereifer kämpfenden Menschen einen Mann der Behutsamkeit und der Zärtlichkeit gemacht. Als Elija spürte, daß er selbst nicht mehr weiter kann, daß ihm weder sein Mut, noch sein Wille weiterhalfen, hat ihn ‘sein’ Jahwe durch die Speise des Engels gestärkt, er hat ihn durch die Wüste geführt und sich ihm dann so gezeigt, wie er wirklich ist.

In der Elija-Geschichte wird deutlich: nur wer seine Ängste, Sorgen und
Traurigkeiten zuläßt, wer bereit ist, sein Temperament und seine
Leidenschaften anzuschauen, wird mit ihnen umgehen können und dabei zur Fülle des Lebens finden. Die Elija-Geschichte kann uns so das Vertrauen geben, dass auch unsere Umwege und Irrwege zu Gott führen können, gerade auch dann, wenn der Weg durch die Wüste geht, wenn wir Siege und Niederlagen erleben, Erfolge und Mißerfolge, Kraft und Ohnmacht. Es gibt kein Programm, für diese Verwandlung, aber Gott bewirkt sie, wenn Menschen sich führen lassen.

Pfr. Florian Wöss