Romantische Raritäten

Artikel in der PNP am 11.01.2017

Neuötting. „Herzlichen Dank und – Vergelt’s Gott!“ Welcher Dirigent richtet solche Worte ans Publikum, das gerade ein bewegendes Chor- und Orchesterkonzert nicht eben kleinen Ausmaßes unter seiner Stabführung erleben durfte? André Gold tat so etwas, und dabei hätte es umgekehrt sein sollen: Dank und ein „Vergelt’s Gott“ für 80 Minuten schöner Weihnachtsmusik galten seitens des Publikums den Mitwirkenden in der Stadtpfarrkirche, die alle ihr Bestes gaben: „euregio oratorienchor Altötting e. V.“, „euregio Mattigtal“, Philharmonie Reichenhall und Sopranistin Eva Schinwald.

Eva Schinwald war die Solistin beim „Großen Romantischen Weihnachtskonzert“ unter dem Dirigat von André Gold in der Neuöttinger Stadtpfarrkirche. − Foto: Gärtner

Das ungewöhnliche Programm eines „Großen Romantischen Weihnachts-Konzerts“, das erstmals vier Tage vor Heiligabend in Bad Reichenhall gelaufen war, wurde für die Wiederholung in der gefühlt weniger warmen Kirche um drei Stücke gekürzt – was ihm nicht schlecht bekam. Außerdem wurde ein Programmpunkt – der vielleicht am innigsten und werkgerechtesten des ganzen Frühabends gelungene – nach dem einhelligen Applaus als Zugabe absolviert: „Pueri concinitae“ für Sopran, Chor und Orchester von Johann Ritter von Herbek (1832 bis 1877), einem „echten“, freilich weithin unbekannten Romantiker. Das Gros der zu einem bunten Strauß stimmungsvoller „Blüten“ ausgewählten anderen Komponisten – von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Edgar Elgar, Max Reger, Joseph Marx, Rheinberger, Humperdinck, Saint-Saens und – etwas deplaziert – Pietro Mascagni (mit dem „Intermezzo“ aus der eigentlich am Ostermorgen spielenden Oper „Cavalleria rusticana“) gehörte der Spätromantik an oder ihren Ausläufern. Einen thematischen Leitfaden blieb die Auswahl schuldig. So folgten beispielsweise – aus Josef Gabriel Rheinbergers selten gespieltem Oratorium „Stern von Bethlehem“ – die „Hirten“ auf die „Drei Könige“. Die pittoreske Mixtur entsprach den Anforderungen an die beiden vielbeschäftigten Chöre und folgte mit ihren durchwegs rührseligen tonalen Raritäten dem in Goethes „Faust“ zu findenden Prinzip „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Dort heißt es allerdings weiter: „… und geht zufrieden aus dem Haus“.

Engelbert Humperdincks opernhaft anrührender „Abendsegen“ in der so nicht originalen, für Chor und einem „Sandmännchen“-Entree bearbeiteten Fassung, die als Konzert-Schluss passte, ist ja formal etwas Neues. Nichts gegen die zarte, wie schon mehrmals am gleichen Ort zu hören gewesene klug geführte Stimme Eva Schinwalds, und alles für den vom stark geforderten Chor klangschön übernommenen „Hänsel-und-Gretel“-Part, schon gar nichts gegen die insgesamt geschmeidig begleitenden, dabei bescheiden gebliebenen Reichenhaller Philharmoniker und den tüchtigen, versierten Spiritus Rex dieser nachgereichten Christfest-Gabe: Sie war in ihrem Potpourri-Charakter gewöhnungsbedürftig und rief nach Rückkehr zu geschlossenen „Ganzheiten“ wie „Paulus“, „Elias“ oder – im unmittelbaren Bezug auf das zentrale Weihnachtsgeschehen, um das es an diesem Dreikönigs-Abend ging – „Stern von Bethlehem“.

− Hans Gärtner

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